Nähe beginnt mit Nähe zu uns selbst

Kim Barkmann, De Wise Frau, Lebensberaterin, Altensalzwedel
Artikel aus dem BIOLINE-Magazin


Margarete, eine Klientin, kam zu mir, weil sie sich in ihrem Leben einsam fühlte.
„Ich habe Freunde“, sagte sie mir, „aber ich fühle mich trotzdem einsam, weil ich allein lebe. Meine Freunde besuchen mich, aber dann gehen sie wieder weg und ich bin wieder genau so einsam wie vorher.“
„Was genau wünschst du dir denn?“ erkundigte ich mich.
„Ich hätte gern jemanden, der zu mir gehört und nicht immer geht.“
„Und was möchtest du mit dieser Person dann gern erleben und fühlen?“
An dieser Stelle dachte sie eingehend nach und antwortete schließlich:
„Ich möchte gern, dass jemand mir nahe ist, mit mir im Garten sitzt, auch ohne dass wir reden müssen, jemand, mit dem ich schweigen kann, ohne dass ich befürchten muss, dass er gleich aufsteht und nach Hause geht, weil wir gerade keinen Gesprächsstoff haben.
Mit meiner besten Freundin ist es so, dass wir immer viel miteinander reden und uns viel zu erzählen haben, aber sobald ein Moment des Schweigens zwischen uns eintritt, erhebt sie sich und sagt, sie müsse nun allmählich nach Hause. Ich habe dann das Gefühl, ich muss immer etwas Besonderes auf die Beine stellen, interessante Gesprächsthemen finden, mir ihre Sorgen anhören oder sonst irgend etwas tun, damit sie ein bisschen länger bleibt. Auf diese Weise ist es zwar schön, aber auch immer ein bisschen anstrengend.
Ich würde so gerne einmal jemanden kennen, der mich auch so gut findet, ohne dass ich einen besonderen Tanz für ihn aufführe, jemand, der wirklich zu mir kommt.“
Als sie mir dies erzählte, konnte ich sehr gut verstehen, wie sie sich dabei fühlte. Viele Menschen befinden sich in ähnlichen Situationen und erleben das Gleiche. Nähe und Innigkeit zu erleben, das ist heutzutage gar nicht mehr so leicht.
„Wenn du dieses Problem nicht hättest, wie würdest du dich dann mit deinen Freunden verhalten?“ fragte ich sie.
„Ich würde mich entspannen, würde gelassen sein und einfach mal schauen, was ich wirklich sagen möchte. Und wenn ich nichts zu sagen habe, dann würde ich schweigen.“
„Das heißt, du wärest dann eigentlich eine andere Margarete, nicht wahr?“
Sie zögerte ein wenig mit der Antwort, wiegte den Kopf hin und her und sagte schließlich:
„Nun ja, ich denke, ich wäre dann erst die wirkliche Margarete.“
Diese wichtige Erkenntnis ließen wir einen Moment lang wirken. Margarete hatte anerkannt, dass sie eine Rolle spielte, um Gemeinschaft zu bekommen.
„Ich habe eine wichtige Frage an dich, Margarete,“ sagte ich schließlich: “Kannst du den Gedanken annehmen, dass die Veränderung von dir ausgehen muss, damit etwas Neues entstehen kann?“
An dieser Stelle reagierte sie unerwartet erfreut, ja geradezu begeistert.
„Ja“, sagte sie, „Das kann ich nicht nur annehmen, das finde ich sogar großartig. Wenn ich darauf warten sollte, dass die anderen sich verändern oder dass ein gütiges Schicksal eingreift, dann passiert ja vielleicht niemals etwas. Ich will mein Problem lösen. Ich bin froh, wenn es etwas gibt, das ich selber verändern kann. Das mache ich dann sofort. Allerdings kann ich mir im Augenblick nicht so recht vorstellen, was das sein könnte.“
Als unser Gespräch an diesem Punkt angekommen war, da waren wir der Lösung schon zum Greifen nahe, ohne es zu wissen. Wir sprachen noch einige Minuten über verschiedene Möglichkeiten und dann erwachte ein ganz neues Verstehen in meiner Klientin.
„Ich könnte es einfach mal tun“, schlug sie vor. „Ich könnte es einfach mal riskieren, keinen Tanz aufzuführen und nicht die Superfreundin zu spielen, sondern ich selbst zu sein. Ich glaube, dass ich mich das trauen würde“.
„Wie werden die anderen darauf reagieren, was vermutest du?“ fragte ich.
Margarete zuckte die Schultern.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht wird meine beste Freundin dann schon nach fünf Minuten wieder gehen. Möglich ist das. Aber ich habe das Gefühl, dass ich es unbedingt riskieren will. Dann geht sie eben.
Ich will einfach mal ich selber sein, auch auf die Gefahr hin, dass ich dann alle meine Freunde verliere. Allerdings glaube ich gar nicht mal, dass es unbedingt so kommen muss.“
Ich begrüßte diesen Vorschlag sehr und bestärkte sie darin, sich einfach einmal in die gewünschte Haltung zu begeben, egal was die anderen von ihr erwarteten.
„Nimm die Position einer Freundin ein, der die anderen nahe sind. Verhalte dich einfach  so und schau, was passiert. Du öffnest dich auf diese Weise für Nähe. Die anderen werden auf irgendeine Weise auf deine Öffnung reagieren.“
Voller Elan verabschiedete Margarete sich, um diese neue Möglichkeit auszutesten. Und ein „gütiges Schicksal“ half ihr ein wenig auf die Sprünge. Ihr 17 jähriger Neffe Gerald hatte Schulferien und wollte ein paar Tage mit seiner Tante verbringen. Als sie das nächste Mal zu mir kam, berichtet sie mir folgendes:
„Zuerst war ich schon aus reiner Gewohnheit wieder die Supertante. Ich benahm mich liebevoll, verständnisvoll, interessiert, unterstützend, ich führte den üblichen Tanz auf. Aber dann wurde ich auf einmal wach und sagte mir, stopp, was tust du denn da? Du versuchst für ihn großartig zu sein, damit er nicht bloß ein Wochenende bleibt, sondern gleich ein paar Wochen. Aber Gerald ist doch hierher gekommen, um seine Ferien zu genießen und nicht um manipuliert zu werden. Also hörte ich einfach auf. Und wir saßen tatsächlich zusammen im Garten, wir saßen nebeneinander und schauten in das Grün. Ab uns zu sprachen wir und ab und zu auch nicht. Es war unendlich entspannt.
Ich habe jetzt verstanden, dass ich aufhören muss, immer irgendetwas von den anderen zu wollen.
Wenn ich will, dass Gerald länger bleibt, dann versuche ich, ihn dazu zu bringen und dadurch höre ich auf, gelassen zu sein. Ich muss loslassen, und das kann ich auch. Ich habe doch immer allein gelebt. Ich weiß doch ganz genau, dass ich das kann. Darauf kann ich mich verlassen. Also habe ich bei Gerald absolut losgelassen und nichts mehr versucht. Ich habe das getan, was ich selbst, die Margarete, gern erleben wollte. Und es stellte sich heraus, dass Gerald genau das Gleiche erleben wollte. Wir verbrachten viel Zeit miteinander und mein Neffe war mir noch niemals so nahe. Er hat mir alles erzählt von seiner Schule und seiner Freundin und ich habe zugehört, ohne das Gespräch in irgendeine Richtung zu drängen.
Ich habe zugelassen, dass die Dinge von alleine fließen. Das hat aber alles verändert!
Seitdem habe ich dasselbe mit mehreren anderen Menschen auch erlebt. Meine Nachbarin, der Hausmeister, meine Freundin vom Turnen und andere haben Zeit mit mir verbracht, ohne dass ich irgendetwas Besonderes dafür tun musste. Und es war so schön, so entspannt und gelassen. Ehrlich gesagt, es ist ganz schön anstrengend immer irgendetwas zu wollen.“
Ich freute mich für sie und wollte wissen, ob ihr Einsamkeitsproblem damit gelöst sei.
„Noch nicht ganz“, sagte sie, „aber ich bin mir jetzt ganz sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich darf mich nur nicht wieder verspannen. Ich habe eine ganz wichtige Sache verstanden.
Früher wünschte ich mir Nähe mit anderen Menschen. Aber ich war mir selber dabei kein bisschen nahe.
Ich habe mich ja überhaupt nicht darum gekümmert, was ich selber erleben und fühlen wollte. Ich habe mich ja die ganze Zeit über nur um die anderen gekümmert, und um das, was sie von mir erwarteten. Dabei war ich aber weder ihnen noch mir selber nahe. Jetzt bleibe ich bei mir. Ich kümmere mich darum, was ich fühle und was ich fühlen will. Wenn ich mich entspannen will, dann mache ich das, egal, was die anderen um mich herum gerade wollen. Ich kümmere mich um mich. Und auf einmal geht es nicht nur mir viel besser, sondern auch den anderen. Seit ich mir selber näher bin, erlebe ich zum ersten Mal auch Nähe mit anderen.“
Meine Klientin Margarete hatte einen ganz wichtigen Schlüssel gefunden.
Was wir uns von anderen wünschen, das geben wir uns oft selbst nicht.
Wenn wir anderen nahe sein wollen, ist es notwendig, sich für diese Nähe innerlich zu öffnen. Wenn wir entspannende Nachmittage mit unseren Freunden erfahren wollen, dann müssen wir uns zunächst entspannen. Dasselbe gilt noch für viele andere menschliche Erfahrungen. Wir fühlen uns von anderen allein gelassen und merken oft gar nicht, dass wir uns selbst allein lassen.
Wir fühlen uns von anderen tyrannisiert und in Wirklichkeit tyrannisieren wir uns selber. Wir fühlen uns von anderen nicht geliebt und dabei lieben wir uns selbst nicht. Der Schlüssel, den Margarete gefunden hat, passt auf sehr viele Schlösser.
Diese Sichtweise liefert uns viele spannende Möglichkeiten, mit alten Problemen auf neue Weise umzugehen. Geben wir uns doch einmal selber das, was wir bisher von anderen erwarteten. Dann kann es passieren, dass in dem sozialen Gefüge, in dem wir leben, sich etwas verändert.
Und auf einmal entspannen sich die Dinge.

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