Hypochondrie

Camilla Goldhahn
Artikel aus dem BIOLINE-Magazin


„Jeder Mensch weiß, dass er sterben muss, nur der Hypochonder denkt ständig darüber nach, woran.“
Gert Uhlenbruck


Wehe, er hat einen ganz ordinären Schnupfen, oder Durchfall, oder irgendetwas sicher Unangenehmes und auch Schmerzhaftes – mein Liebster ist dann nicht auszuhalten. Er jammert, als würde ihm gleich der Kopf abgeschlagen – und er lässt sich von mir bedienen. Einen Tee darf ich ihm bringen und ein Süppchen oder einen Zwieback – und dann wieder einen Tee und vielleicht eine Kleinigkeit zum Naschen. Mit dem Wunsch nach Naschereien hält er sich allerdings zurück, das sieht ja so aus, als sei der Appetit zurückgekehrt, als ginge es ihm besser. Es darf auch nicht zu laut sein in seiner Nähe, ich sollte am besten den Mund halten. Also sage ich nur leise vor mich hin: „Dieser Hypochonder“ – wie man das so sagt, wenn jemand kränklich ist, aber keine offenen Wunden zu sehen sind, keine Narben, er kein Fieber hat und auch nicht unheilbar krank ist.
Doch die Hypochondrie, ließ ich mir sagen, ist eine Krankheit, eine der ältesten und vieldeutigsten, unheilbar oder vorübergehend. Der Hypochonder leidet an einem oder an mehreren Übeln, gleichzeitig oder abwechselnd. Der italienische Schriftsteller Italo Svevo zum Beispiel bekannte freimütig: „Es gibt Tage, an denen lebe ich für die harnsaure Diathese, und andere, an denen die harnsaure Diathese hintangestellt, das heißt, durch eine Venenentzündung geheilt ist.“
Ist der Hypochonder nun ernsthaft krank, oder bildet er sich seine Krankheit nur ein? Der Philosoph Immanuel Kant unterschied fein säuberlich zwischen der Krankheit an sich und dem Gefühl der Krankheit, wobei das Gefühl meist überwiegt.
Was aber ist Hypochondrie, auch „Grillenkrankheit“ genannt? „Hypochondrion“ bezeichnet „das unter dem Brustkorb Befindliche“, also die Organe des Unterleibs: Leber, Milz und Galle; ein Überschuss an schwarzer Galle war nach der alten Säftelehre die Ursache von Melancholie. Auch Erkrankungen des Verdauungstraktes wurden für die Hypochondrie verantwortlich gemacht. Für ein organisches Hirnleiden wurde sie gehalten und sogar für eine „Teilerscheinung des neurasthenischen Irreseins“. Schließlich wurde die Hypochondrie als eine Schwächung des Nervensystems angesehen, des männlichen. Litt eine Frau an Nervenschwäche, so war sie hysterisch (hystera, griechisch = Gebärmutter) – und ist es immer noch.
Im modernen Verständnis ist Hypochondrie die intensive Beschäftigung eines Menschen mit seinem Körper.
Der Hypochonder beobachtet ständig sich selbst und lauert auf Symptome, die auf eine Krankheit hindeuten.
Er hat Ängste, die sich bis zum Wahn steigern können und kaum beschwichtigen lassen, sie bestimmen sein Leben.
„Wenn der Geist einmal von der Hypochondrie beschädigt wurde, wird er nicht leicht wieder klar“, schrieb ein Psychologe und dachte dabei u.a. an einen Klienten, der ständig Wasser lassen musste und fürchtete, die ganze Stadt zu überfluten.
Nachdem der englische Dichter Byron eine Frau mit dicken Füßen gesehen hatte, glaubte er, an Elephantiasis zu leiden.
Enrico Caruso war davon überzeugt, dass sich tagtäglich Unmengen von Schmutz in seiner Kehle und in seiner Nase ansammelten. Vor jedem Auftritt putzte er sich ausführlich die Zähne, gurgelte vier Minuten lang und spritze dann, mit einem Zerstäuber, Natron und Glycerin in die Nasenlöcher und in den Schlund. Solche Varianten der Hypochondrie sind schon komisch, auch ein bisschen lächerlich – wie zum Beispiel die Tagebuchnotiz eines ehrenvollen Briten aus dem 17. Jahrhundert: „Nahm mir vor, nachts meine Hände zusammenzubinden, damit ich sie nicht aus dem Bett halte und mich dadurch erkälte; konnte es aber nicht lange aushalten.“
Die Eintragung ist aber nicht nur komisch, zumal das ganze Tagebuch eine Ahnung vom Leben der Frau an der Seite dieses Mannes vermittelt. Hypochondrie bestimmt nicht nur das Leben des Leidenden, sondern auch das seiner Umgebung. Der Hypochonder beansprucht viel Aufmerksamkeit. Sein Leiden schafft Abhängigkeiten, die womöglich so gut funktionieren, dass niemand sich eine Genesung wirklich wünschen kann; stabile Beziehungsgeflechte könnten zusammenbrechen.
Hypochondrie ist eine von der Gesellschaft akzeptierte Form der Flucht, Krankheit gilt als schuldloses Scheitern.
Was könnte der Hypochonder nicht alles leisten, würde seine Krankheit ihn nicht daran hindern! Der Hypochonder nutzt die Vorteile des Krankseins, er muss nicht mehr arbeiten, gesellschaftliche Verpflichtungen entfallen, schlechtes Benehmen wird entschuldigt.
Krankheit isoliert einen Menschen auch, aber wenn er frustriert oder unglücklich ist, privat oder in seinem Berufsleben, ist es einfacher für ihn, krank zu werden, statt asozial oder rebellisch. Der Hypochonder befindet sich in einem Zustand, der von der Rebellion bis zur reinen Depression reicht.
Hypochondrie ist eben, wie jemand sagte, „eine schlimme und grämliche Krankheit“. Der englische Arzt und Philosoph Bernard de Mandeville beschrieb seinen eigenen jammervollen Zustand: „Es ist kaum länger her als letzten Winter, dass mir nicht auszureden war, ich hätte die Pocken ... und eine beträchtlich lange Zeit untersuchte ich den ganzen Tag lang meine Schienbeine und meine Stirn und tastete nach Knoten ..., der Verlust meiner Nase, meines Gaumens, meiner Augen und all der schrecklichen und schändlichen Folgen dieser Krankheit beschäftigten meine Fantasie über Stunden hinweg, bis das Entsetzen tief in meine Seele drang und mich zuweilen mit solchen Stichen des Jammers traf, wie keine Folter, noch der Tod, mir jemals zufügen könnten.“
Die Schilderung scheint zu bestätigen, dass der Hypochonder an einer „maskierten Depression“ leidet, an „Düsternis im Herzen“, an der alten Melancholie.
Schriftsteller und Philosophen vor allem haben über ihre Hypochondrie geschrieben und auch dargestellt, dass sie ihrem Leiden durch Arbeit – wenigstens zeitweilig – entkommen konnten.
Gesellschaftliches Ansehen und Arbeit, als Rettung oder als Fluchtmotiv, scheinen eng mit der Hypochondrie verknüpft zu sein. Gibt es deswegen hauptsächlich hypochondrische Männer?
Haben Frauen gesellschaftlich weniger zu verlieren als Männer? Würden sie überhaupt auf die Fürsorge hoffen können, die Männer selbstverständlich erwarten? Oder trifft zu, was der Philosoph Michel de Montaigne ausrief: „Wie viel Beispiele für die Missachtung des Schmerzes liefert uns dieses Geschlecht! Was vermögen Frauen nicht alles!“
Als mein Liebster vor kurzem wieder schwer zu leiden schien, las ich ihm leise eine aktuelle Notiz aus dem Tagebuch von Leo Tolstoi vor – aus dem Jahre 1906: „Den ganzen Tag ein stumpfer, müder Zustand (...). Ein kleines Kind werden und zur Mutter gehen, wie ich sie mir vorstelle ... Du Mutter, du sollst mich liebkosen.“ Immer noch leise bemerkte ich, dass Tolstoi aus diesem Zustand wieder herauskam, allein, ohne Hilfe der Mutter, er hat wieder gearbeitet, geschrieben.

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