Arbeitslos - Mut zu einem Neubeginn

Margot Sistig-Kummer, Verhaltenstherapeutin (Kognitiv), Heilpraktikerin, Duisburg
Artikel aus dem BIOLINE-Magazin


Der ältere Herr in meiner Praxis wirkte sehr verbittert und unwirsch.
„Ich weiß nicht, was ich bei Ihnen überhaupt soll. Ich glaube, meine Frau schickt mich nur hierhin, weil sie es mit mir zuhause nicht mehr aushält.“
Als ich nachfragte, was genau denn zuhause so schlimm sei, sprudelte alles aus ihm heraus.
52 Jahre sei er nun und seit einem knappen Jahr arbeitslos. Von Haus aus sei er Schreinermeister. Schon sein Vater war dies gewesen. Als Kind schon habe die Arbeit mit Holz ihn interessiert, aber heutzutage wird ja gar kein Wert mehr auf Qualität gelegt. Jetzt muss ja immer alles nur schnell gehen und billig sein. Deshalb auch sei der Betrieb, in dem er angestellt war, pleite gegangen. Na gut, er habe sich zusätzlich finanziell abgesichert und in einigen Jahren könne er die Rente beantragen, aber mit 52 fühle man sich nun einmal nicht alt genug, um zum alten Eisen zu gehören. Zuhause würde ihm einfach die Decke auf den Kopf fallen. Er fühle sich so nutzlos. Aber in seinem Alter sei es unmöglich, noch eine Anstellung zu bekommen. Selbst die jungen Leute hätten ja schon keine Chancen mehr.
Immer mehr steigerte sich mein verzweifelter Patient in seine Klage über die Ungerechtigkeit der Welt hinein.
In allen Bereichen unseres Lebens müssen wir zur Zeit feststellen, dass wirtschaftliche Zwänge uns einengen, und dass Deutschland nun wirklich nicht mehr das Land ist, in dem Milch und Honig fließen. Arbeitslosigkeit und Armut greifen immer mehr um sich. Es gibt immer mehr Bürger, die am Rande des Existenzminimums leben. Da ist es nur allzu verständlich, wenn man überall die Menschen nur noch klagen hört, und von den Politikern keine Hilfe zu erwarten ist. Aber bisher haben Klagen und Kritisieren nicht zum Erfolg geführt. Wenn die Situation derart festgefahren scheint, dass wir keine Möglichkeit mehr sehen, wie wir von unserer Seite her die Lage verbessern können, ist es hilfreich, aus dem momentanen Erleben hinaus zu gehen und Abstand zu suchen, um die umfassenderen Zusammenhänge besser zu erkennen. Damit haben wir auch wegen des größeren Überblicks die Möglichkeit, aus einer anderen Sicht heraus auf alles zu schauen. Und häufig kommen wir dadurch zu einem neuen Blickwinkel, um die neuen Situationen im Leben zu betrachten. Es zeigen sich dabei oft andere Wege des Handelns.
Die Opferrolle, in die wir zwangsläufig erst mal hineinrutschen, weil uns etwas geschieht, das Leid und die Schwere des Lebens spüren lässt. Dabei verlieren wir schnell den Kontakt zu unseren Kräften, zu dem, was uns unterstützen kann, und auf die in jeder Situation verborgenen Chancen und Möglichkeiten. Damit machen wir uns nur unnötig mutlos.
Doch wie sollen wir Hoffnung und Mut wieder finden, wenn um uns herum die Welt immer schwieriger und anstrengender wird?
Hier im Falle meines neuen Patienten hilft genau das, was auch in der Wirtschaft derzeit von Nöten wäre:
Denn um diese wieder effektiver zu machen, müssen wir uns, dem Trend nach, schnell und billig entgegenstellen und uns wieder auf das besinnen, was früher unter „made in Germany“ verstanden wurde.
Es täte also Not, dass die wirtschaftlichen „Macher“ die früheren Werte wieder erinnern und neu aufleben lassen.
Im Falle des Berufes meines verzweifelten Klienten ist dies recht deutlich zu zeigen. Deutsche Wertarbeit unter dem Begriff „made in Germany“ in der Handwerkskunst führte einst dazu, dass Schränke aus dieser Zeit Jahrzehnte lang hielten und sogar an Wert zunahmen. Die Ware, die wir heutzutage überwiegend in den Möbelhäusern finden, überlebt höchstens zwei Umzüge, dann sind die Scharniere ausgeleiert und die Schließzylinder verzogen, so dass zwangsläufig eine Neuanschaffung ansteht.
Damit unser Land seine wirtschaftliche Stellung wieder festigen kann, ist es wichtig, das Besondere zu finden, das die Arbeit der deutschen Industrie, des Handwerks und der Dienstleistung eben ausmacht.
Auch für die von der wirtschaftlichen Krise betroffenen Menschen geht es im individuellen Fall genau um diese Aufgabe.
In den vielen Gesprächen mit Menschen habe ich immer wieder festgestellt, dass die Dinge, die uns im Außen geschehen, ganz unmittelbar und direkt mit uns zu tun haben.
Daher ist es wichtig sich zu fragen, welchen Themen wir mit den heutigen Problemen in uns selbst begegnen. So liegt auch für den Einzelnen die größte Chance darin, sich trotz aller Widrigkeiten des Lebens, auf sich selbst zu besinnen, auf das, was er oder sie gut kann und was Freude macht, also genau auf die Dinge, die den jeweiligen Menschen ausmachen. Die Beantwortung dieser Frage fällt den meisten schwer, denn unter den derzeitigen Arbeits- und Lebensverhältnissen hat sich das Gros der Bevölkerung von den eigenen Vorstellungen entfernen müssen, um ihr Leben zu sichern.
Meine Patienten kommen sich besser auf die Spur, wenn ich sie im konkreten Fall frage, was das Geschehen im Außen für sie persönlich bedeutet. Darauf angesprochen erklärte mir der ältere Herr:
„Im Grunde fehlt mir am meisten das Arbeiten. Nun ja, mit dem Geld wird es schon recht knapp, aber meine Frau verdient ja auch. Es ist auch nicht die fehlende Beschäftigung. Ich könnte ja den Hausmann spielen, das wäre für meine berufstätige Frau sicher eine Unterstützung, oder ich könnte irgendwelchen Hobbys frönen. Aber die handwerkliche Tätigkeit in der Schreinerei, das war schon ein Beruf, den ich wirklich gerne gemacht habe.“
Während er das aussprach, konnte er bereits erkennen, wo seine Ressourcen liegen, also die inneren Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ihn als Mensch ausmachen.
Wer nun die eigenen Stärken wieder erinnert, begreift, dass er nicht nur betroffenes Opfer ist, sondern gleichzeitig auch Handelnder in der ganzen Geschichte.
In diesem Zusammenhang fällt mir immer ein wunderbarer Spruch ein, den ich einmal in einem Buch asiatischer Weisheiten gelesen habe.


DU BIST DER HELD IN DEINER EIGENEN GESCHICHTE


Und vom Helden zum Märchen ist es nicht weit, in dem sich bekanntermaßen Wünsche allein schon durch das Aussprechen erfüllen.
So frage ich natürlich in solchen Fällen meine Patienten immer, was in ihrem Leben geschehen würde, wenn Sie selbst Ihre eigene Geschichte weiter schreiben könnten? Was würden Sie sich wünschen? Was käme nun gerade zur rechten Zeit?
In diesem Fall runzelte mein Klient die Stirn und schüttelte ob solcher Phantasterei erst einmal den Kopf, bevor er antwortete:
„Ich würde mir wünschen, in einem Betrieb eine Arbeit zu finden, der nicht auf schnell und billig angelegt ist. Einer, der qualitativ so schöne Möbel herstellt, wie wir sie heute nur noch auf den Antikmärkten finden, zu denen meine Frau und ich immer gehen. Die Fähigkeit, so gut zu arbeiten habe ich, denn mein Lehrmeister hat noch Wert auf Qualität gelegt. Das war noch einer vom alten Schlag, der noch um gute Handwerkskunst wusste und auch ein Gespür dafür hatte. Aber ich weiß nicht, wo ich so etwas finden kann, mir fehlen einfach die Kontakte.“
Da Wünsche immer an die richtige Adresse gebracht werden müssen, im Falle des Märchens natürlich an die gute Fee, empfahl ich ihm, beim nächsten Besuch eines Antikmarktes die dortigen Händler anzusprechen und Reparaturangebote zu machen. Fragen koste schließlich nichts. Dazu meinte mein verbitterter Patient:
„Der Held in der eigenen Geschichte, wenn das mal so einfach wäre im tatsächlichen Leben. Das Leben ist nun mal kein Märchen. Im normalen Leben steht man allein da, muss sich alleine durchbeißen und sich dem Kampf stellen“.
Da mir am Anfang meine Patienten dies meist entgegen halten, weiß ich auch hier wieder Rat. Im Märchen sind es Hexen, Feen, Zwerge oder andere gute Geister, die dem Helden oder der Heldin zur Seite stehen, und die märchenhafte Lösungen ermöglichen. Im tatsächlichen Leben gibt es solche Zauberwesen nicht, auch wenn uns manchmal alles wie verhext vorkommt, oder so, dass sich böse Mächte gegen uns verschworen hätten, oder wir den Eindruck haben, wir sind klein wie David und müssen gegen den Riesen Goliath antreten, oder wir kämpften gar gegen Windmühlen.
Im tatsächlichen Leben sehen die Hindernisse ganz anders als im Märchen aus. Hier sind es der Chef, die Schwiegereltern, ein Unfall, eine Trennung, eine schwere Krankheit oder auch Arbeitslosigkeit, die uns zwingen, innezuhalten und unser Leben neu zu betrachten.
Auch im Positiven haben wir ja manchmal den Eindruck, das sei Zauberei, wenn alles von ganz alleine klappt. Doch auch hier sind die helfenden und gestaltenden Kräfte die gleichen oben erwähnten Personen und Geschehnisse, die von außen auf uns einwirken und uns geradezu wundersame Möglichkeiten schenken. Aber ohne ein aktives Ergreifen dieser Möglichkeiten kann selbst im Märchen dem Helden nichts gelingen. Denn welche Fähigkeiten zeichnen die Helden im Märchen aus? Der Protagonist unterscheidet sich von den anderen Akteuren des Märchens nicht durch besondere Klugheit oder größere Macht, sondern ausschließlich dadurch, dass er die Gelegenheit erkennt und am Schopfe ergreift und somit das Beste daraus macht.
Einige Gespräche und Anregungen brauchte es noch, bis mein Klient seine Zweifel an sich selbst und sein Verzweifeln am Leben aufgab. Aber die ersten kleinen Erfolge bei Gesprächen mit den Händlern der Antikmärkte gaben ihm Mut, im Vertrauen auf seine Fähigkeiten einen Neubeginn zu wagen, so dass ich ihn bald mit guten Wünschen verabschieden konnte.
Fast wie erwartet erhielt ich Ende letzten Jahres von „meinem Schreinermeister“ eine Weihnachtskarte, in der er mir freudig mitteilte, dass er vorhabe, einen kleinen Betrieb zu gründen. Er habe inzwischen viele Kontakte zu Händlern antiker Möbel, die ihm bereits seit geraumer Zeit immer wieder diverse Restaurationsaufträge zukommen ließen. Es sei zwar noch nicht sicher, ob er damit das gleiche Einkommen wie in dem früheren Beschäftigungsverhältnis erringen könne, aber die Arbeit mache ihm so viel Freude wie damals bei seinem alten Meister.
Ihm war es also gelungen, seine Arbeitslosigkeit unter dem Blickwinkel der Neugestaltung des Lebens zu betrachten.
Meine Arbeit beweist mir immer wieder, dass jedem Menschen diese Chance gelingt, wenn er nach einem schmerzhaften Schlag des Lebens seine Ressourcen und Kräfte sammelt und die Eigenverantwortung sowie den Mut zu einem Neubeginn findet.
Wenn wir unsere Geschichte so leben, wie es uns wirklich entspricht, unsere Lebensgeschichte so gestalten, dass wir wirklich der Held in unserer eigenen Geschichte werden, dann kann sie sich zu unserem persönlichen Märchen entfalten.


Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm’ Abschied und gesunde!
Hermann Hesse


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