ALLEINSEIN im Alter ist nur schwer zu ertragen

Margot Sistig Kummer, Heilpraktikerin und kognitive Verhaltenstherapeutin, Duisburg
Artikel aus dem BIOLINE-Magazin


Viele Menschen vereinsamen, haben kaum noch soziale Kontakte, wenn sie den Partner verloren haben, oder nach einer ausgefüllten Berufstätigkeit ihre Zukunft nicht entsprechend vorbereitet haben.
„Meine Tochter möchte, dass ich zu Ihnen komme. Ich bin  jetzt 69 Jahre alt und sie findet, dass ich mich nach dem Tod meines Manns vor zwei Jahren sehr verändert habe. Sie meint, ich würde vielleicht an einer Depression leiden und macht sich große Sorgen um mich.“
So begegnete mir Sophie P., eine nette alte Dame, die ich schon seit Jahren kenne, denn  sie und ihre  Familie hatten mich immer mal wieder bei Alltagsbeschwerden in meiner Praxis aufgesucht.
Nun aber war sie etwas ratlos und im Zweifel, ob ich wirklich die richtige Ansprechpartnerin für sie sein könnte, denn sie hatte ja keine Schmerzen, wie sie betonte.
Aber ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie wahrscheinlich an einer Altersdepression leiden könne. Dafür gäbe es sehr wohl Lösungen und ich würde ihr gerne dabei helfen, diese zu überwinden.


Depression im Alter


Altersdepression ist ja ein sehr schwieriges Thema, denn das Suizidrisiko von Menschen ab 60 Jahren ist deutlich höher, als das Jüngerer.
Bei älteren Menschen werden die ersten Anzeichen einer Altersdepression oft nicht erkannt. Sie werden als eigenbrötlerisch bezeichnet, wenn sie sich für längere Zeit isolieren und nicht mehr aktiv am Leben ihrer Umwelt teilnehmen.
Wenn die zunehmende Isolierung mit Desinteresse und körperlichen Beschwerden, wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen einher geht, sind dies aber keine normalen Alterserscheinungen. In diesem Fall sollten bei Angehörigen die Alarmglocken läuten. Leider ist es zurzeit oft noch so, dass meist nur geriatrisch (Altersheilkunde) geschulte Ärzte die Zeichen richtig erkennen und eine Behandlung des Krankheitsbildes einleiten. Aus diesem Grund ist die Dunkelziffer der an Altersdepression Erkrankten recht hoch. Und oft sind der Tod eines nahen Angehörigen und die daraus folgende Einsamkeit dafür die Auslöser.


Ich bat Frau P., mir ihr derzeitiges Leben zu schildern und erhielt folgenden Bericht:


 „Mein Leben sieht ganz anders aus als früher. Mein Mann war sehr aktiv.
Wir sind immer früh aufgestanden, obwohl er im Ruhestand war, weil wir alle Dinge tun wollten, zu denen wir während seiner Berufstätigkeit nicht gekommen sind.
Egal, ob wir alte Freunde besuchen wollten oder eine kleine Tagestour unternommen haben, wir hatten jeden Tag etwas Interessantes vor.
Heute habe ich ja im Grunde keinen Anlass früh aufzustehen. Es ist doch egal, ob ich um acht Uhr oder um zehn Uhr frühstücke.
Es gibt ja nichts, auf das ich mich freuen könnte. Einkaufen, Mittagessen zubereiten und dann warte ich darauf, dass jemand von unseren Bekannten oder meine Tochter anruft.
Aber natürlich haben alle ihr eigenes Leben. Man kann ja nicht erwarten, dass sie sich ständig um mich kümmern.
Und da meist nur Paare zu meinem Bekanntenkreis zählen, fühle ich mich bei Verabredungen sowieso oft wie das fünfte Rad am Wagen.
Aber alleine um die Sechsseenplatte zu spazieren oder mal in die Innenstadt zum Schaufensterbummel oder ins Café zu gehen, macht mir einfach keine Freude. Dabei würde ich mich noch einsamer fühlen.
Seit dem Tod meines Mannes ist mein Leben richtig leer geworden.“


Der Tagesrhythmus fehlt


Die alte Dame zählte hier gerade einige sozialpsychologische Phänomene auf, die in vielen Fällen mit Einsamkeit einhergehen.
Als erster wichtiger Faktor  ist hier Langeweile zu nennen, als Folge eines fehlenden Tagesrhythmus.
Mit dem Ende einer Lebensphase, sei es der Berufstätigkeit oder auch der Partnerschaft, stellen viele Menschen auch den größten Teil der dazugehörigen Aktivitäten ein.
In der Übergangsphase, bis man sich auf die neue Situation eingestellt hat, ist dies durchaus verständlich und dient schließlich auch dazu, sich neu zu orientieren.
Doch wenn es nicht gelingt, sich erneut dem Leben zu öffnen, scheint dieses seit dem auslösenden Ereignis eingefroren, scheint die Welt ab diesem Tage still zu stehen.
Dies hat immer fatale Folgen für das seelische Gleichgewicht. Denn je weniger selbstbestimmte aktive Beschäftigung ein Mensch im Laufe des Tages hat, umso mehr gleicht jede Stunde,  jeder Tag dem anderen.
Diese Muße könnte ein Außenstehender als ruhig und beschaulich bezeichnen, aber die Betroffenen erleben ihren Alltag als starke Einschränkung ihrer Lebendigkeit und Kreativität, ohne daran etwas ändern zu können.
Ebenso geht Einsamkeit meist mit sozialer Abhängigkeit einher.
Häufig sind alte Menschen auf andere Personen angewiesen, um ihren Alltag zu bewältigen oder zu gestalten und haben weniger Sozialkontakte, als Jüngere.
Dies steigert die Erwartungshaltung an die sie umgebenden Menschen und führt zu einer passiv konsumierenden, statt aktiv gestalteten Einstellung.
Die alte Dame in meiner Praxis hat schon ein starkes Interesse, sich mit Menschen zu treffen, wartet aber darauf, dass der erste Schritt von den anderen kommt.
Und ebenso wünscht sie sich bestimmte Unternehmungen, möchte sich aber nicht aufdrängen, sondern hofft darauf, dass ihre Tochter und ihre Bekannten diejenigen Formen von Kontakt anbieten, bei denen sie sich weder ausgeschlossen noch einsam fühlt.


Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt.
(Alfredo La Mont) 

                                                                                                                       
Wer durch den Tod seinen Lebenspartner verliert, fällt oft in ein sehr tiefes Einsamkeitsloch. Je länger und inniger man miteinander verbunden war, umso länger und tiefer ist auch die Phase der akuten Trauer, in der wir uns zurückziehen, um die Veränderung zu verarbeiten.
Wenn dieser Rückzug aber dazu führt, dass wir verlernen, alltägliche kleine Kontakte zu halten, wird die Einsamkeit zu unserem Dauerbegleiter und wir beginnen unter dem Alleinsein zu leiden. Da mit der Zeit unsere Fähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen, weiter abnimmt, wächst die Mauer der Isolation immer höher und  wir versteinern innerlich.
Doch Einsamkeit lässt sich überwinden. Die drei notwendigen Schritte dazu besprach ich nun mit meiner Patientin und unterbreitete ihr meine Vorschläge.


Drei wichtige Schritte aus der Einsamkeit


1.) Behandeln Sie sich fürsorglich, wie eine gute Freundin.
 Als erstes ließ ich mir dazu ihren Alltagsablauf schildern und konnte schnell feststellen, dass die ältere Dame nicht besonders liebevoll mit sich umging.
 „Natürlich habe ich nicht immer Lust, mir etwas zu kochen. Für eine Person lohnt sich das nicht, finde ich. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Dosensuppe auf den Tisch kommt. Und da ich im Moment auch nicht viel Hunger habe, gibt es ab und zu auch nur ein Butterbrot zum Mittagessen.“
Hier wird die innere Einstellung meiner Patientin deutlich. Wenn wir glauben, dass es sich nicht lohnt, für uns alleine etwas Schönes zu kochen oder den Tisch mit Blumen oder Kerzen zu verschönern, oder wenn wir lieber zu Hause bleiben, weil der Spaziergang oder der Kinobesuch alleine ohnehin keine Freude machen kann, dann kümmern wir uns nicht gut um uns selbst. Aber gerade in der Zeit, in der wir uns traurig fühlen, ist liebevolle Fürsorge besonders wichtig. Es ist sehr schön, wenn wir diese tröstlichen Momente durch andere Menschen bekommen, aber wir müssen auch selbst für uns sorgen.


2.) Nehmen Sie Kontakt zu anderen Menschen auf.
 Meine Patientin hatte ja bereits im Erstgespräch deutlich gemacht, dass sie sich gerne mit anderen Menschen traf. Ihr Handikap war nur ihre Erwartungshaltung an die anderen.
Um der Einsamkeit zu entgehen, dürfen wir aber weder die Auswahl noch die Art der Kontakte auf wenige Gelegenheiten einschränken. Auch mit der Bäckereiverkäuferin lässt sich über das Wetter, das Fernsehprogramm oder die Nachrichten von heute reden und häufig entsteht dadurch sogar ein persönlicheres Gespräch.
Wer anderen Menschen interessiert zuhört und auch ein wenig über sich erzählt, hat bald wieder den Eindruck, dass er in seiner Umgebung viele nette Menschen trifft und fühlt sich nicht mehr so alleine.
 „Früher fiel mir Smalltalk viel leichter. Ich war immer der Meinung, dass auch die Kassiererin im Supermarkt  sich über ein paar persönliche Worte freut. Das macht den Alltag doch viel angenehmer. Aber nach dem Tod meines Mannes hatte ich Angst, dass man mich darauf anspricht und ich befürchtete, jedes Mal, in der Öffentlichkeit in Tränen auszubrechen. Aber Sie haben Recht. Erstens bin ich inzwischen etwas gefasster und außerdem glaube ich, dass die meisten meine Trauer sicher verstehen. Und ich glaube auch, wenn ich wieder etwas geübter im Umgang mit Menschen bin, lässt auch der Erwartungsdruck an meine Bekannten nach. Kann es sein, dass diese sich ein wenig zurückziehen, weil sie sich meinen Bedürfnissen nach intensivem Kontakt nicht gewachsen fühlen?“
Frau P. hatte etwas sehr Wichtiges erkannt. Ein einzelner Mensch kann nicht alle ihre Bedürfnisse erfüllen, ohne sich schnell als Erfüllungsgehilfe unter Druck gesetzt zu fühlen.
3.) Geben Sie Ihrem Leben einen Sinn, indem Sie sich eine Aufgabe suchen.
Oft hilft es, unsere traurigen Gedanken und Einsamkeitsgefühle aufzulösen, wenn wir uns ein interessantes Hobby zulegen oder uns um jemand anderen kümmern, sei es Mensch oder Tier. Auch durch eine ehrenamtliche Betätigung fühlen Sie sich gebraucht und Sie haben zusätzlich Kontakt zu anderen Menschen. Sie helfen also anderen und sich selbst.
 „Eine meiner Bekannten hat mir geraten, mir ein Haustier anzuschaffen. Aber ein Hund braucht seine tägliche Bewegung und ich bestimme lieber selbst, wann ich meinen Spaziergang mache. Und eine Katze, nein, das entspräche zu sehr einem Bild aus Kinderbüchern: die alte Dame sitzt gemütlich jeden Abend in ihrem Sessel und liest eine Geschichte vor, während  die Katze dazu mit ihrem Schnurren das Zimmer mit Behaglichkeit füllt.“
Meine Patientin musste wider Willen lachen. Wir fanden dann aber doch noch eine passende Aufgabe und nach einigen weiteren Gesprächen war meine Hilfe nicht mehr nötig.


Nach zwei Monaten traf ich die alte Dame per Zufall im Supermarkt. Sie strahlte über das ganze Gesicht:


 „Sie glauben gar nicht wie viel Freude es mir macht, Vorlesepatin in der Grundschule zu sein. Es ist mir wirklich ein Anliegen, Kindern die Freude am Lesen nahe zu bringen. Und ich glaube, das gelingt mir recht gut.
Eines meiner kleinen Mädchen meint, Bücher seien so spannend, dass man sie immer bis zu Ende lesen möchte und einem weiteren gefällt an Büchern, dass wenn man eine Frage hat, es immer ein Buch gibt, in dem man die Antwort findet.
Jetzt treffe ich manchmal sogar einige meiner Schulkinder in der Stadtbibliothek. Wenn man mich nun fragt, womit ich mich beschäftige, sage ich immer: ich züchte kleine Leseratten.“
Schmunzeln verabschiedete sich meine frühere Patientin. Sie hatte verstanden, dass Einsamkeitsgefühle zwar durch äußere Umstände ausgelöst, aber schnell überwunden werden können, wenn wir unsere innere Einstellung ändern und wieder Verantwortung für unser eigenes Wohlergehen übernehmen.


Wohlergehen läßt sich durch Selbshilfe steigern:
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