Die Galle - wenn sie überläuft

Elfi Sinn, Heilpraktikerin und psychologische Beraterin, Berlin
Artikel aus dem BIOLINE-Magazin


„Diese Schmerzen sind wirklich ekelhaft. Die ganze rechte Seite ist empfindlich. Es fühlt sich an wie eine Wehe, wenn das bis zum rechten Schulterblatt hochzieht. Ich hatte das bei jeder Schwangerschaft und dachte, nach drei Kindern hätte es sich erledigt. Jetzt bekomme ich diese Kolik jedes Mal, wenn ich Pflaumenkuchen mit Sahne esse oder etwas Kurzgebratenes. Manchmal wird mir danach speiübel. Aber meistens bin ich einfach nur grantig, alles stört mich. Wenn ich dann vom Spätdienst nach Hause komme und mein Mann hat wieder seine Sachen im Flur verstreut, könnte ich ausrasten.“
Schon der römische Arzt Galen sah einen Zusammenhang zwischen cholerischem Temperament und Gallenproblemen. Und bei Frau Meißner, die sich schon bei der Schilderung wieder erregte, ging es  genau darum. Sie repräsentierte in geradezu klassischer Weise die Risikofaktoren für Gallensteine. In der Medizin sind das die so genannten fünf „F“:


female – fat – fertile – forty - fair.
Oder etwas galanter ausgedrückt:
weiblich – übergewichtig – fruchtbar (mehrere Kinder) – vierzig – blond


Bei den bisherigen Untersuchungen waren bei Frau Meißner zwar keine Steine gefunden worden, aber nicht nur die Risikofaktoren, sondern auch die Symptome deuteten stark auf ein Gallensteinleiden (Cholelithiasis).


Die Gallenblase


Sie liegt im rechten Oberbauch unterhalb der Leber. Eigentlich ist sie so etwas wie ein Reservekanister, in dem Gallensaft aus der Leber deponiert wird. In der Gallenblase werden bis zu 50 ml gesammelt, weil nur zu den Mahlzeiten größere Mengen gebraucht werden.
Galle besteht aus Wasser, Gallensäuren, dem grünen Gallenfarbstoff Bilirubin, Schleim und überschüssigem Cholesterin.
Gallensäuren werden in der Leber aus vorwiegend körpereigenem Cholesterin gebildet, das dann äußerst sparsam über den Darm recycelt und wieder in den Organismus aufgenommen wird.
Gallensäuren werden gebraucht, um Fette zu verdauen, fetthaltige Vitamine, wie A, D, E, und K zu verwerten, Giftstoffe über den Darm abzuleiten und die Dickdarmkontraktion anzuregen, also die Verdauung auf Trab zu bringen.
Galle fließt  nicht immer, sondern nur auf Abruf.
Die Order kommt aus dem Dünndarm, nahe dem Magenausgang von einem Hormon namens Cholecystokinin. Es signalisiert, dass Fetthaltiges verdaut werden soll. Die Gallenblase zieht sich daraufhin zusammen und stößt Galle aus, die in den Dünndarm fließt, wo wichtige Nährstoffe  verwertet werden.
Wenn es immer so reibungslos funktionieren würde, bliebe vielen Frauen das Prädikat „Steinreich“ erspart. Denn wie schon aus den Risikofaktoren unschwer zu erkennen ist, sind es tatsächlich 2- bis 3-mal mehr Frauen als Männer, die von diesem Problem betroffen sind.


Gallensteine


Der genaue Mechanismus der Steinentstehung ist nicht völlig aufgeklärt. Aber sicher ist, dass die Östrogene, die weiblichen Hormone, eine wichtige Rolle spielen.
Östrogene werden in den Keimdrüsen, aber auch im Fettgewebe produziert. Ist viel Fettgewebe vorhanden, werden auch mehr Östrogene hergestellt, die dann mit  ihren fetthaltigen Bestandteilen wieder in der Leber abgebaut werden müssen. Während der Schwangerschaft und oft auch bei Einnahme der „Pille“ wird der Ausstoß von Galle durch die Östrogene reduziert, vermutlich um dem Embryo nicht zu schaden. Wenn Galle aber nicht regelmäßig abgerufen wird, besteht die Gefahr, dass sich die schleimige Flüssigkeit eindickt, kristallisiert und sich Steine bilden. Bei häufigen Schwangerschaften kann sich daher einiges an Steinen ansammeln. Gleiches kann ausgelöst werden durch Hungerkuren oder Fasten, weil dann überhaupt kein Gallensaft  abgefordert  wird.
Auch wenn belastende Emotionen wie Wut, Groll, Ärger oder Frustration heruntergeschluckt und nicht geklärt werden, fördert das Funktionsstörungen der Galle.
Es läuft zwar nicht die sprichwörtliche Galle über, aber solche energetischen Blockierungen auf dem Gallenblasen-Meridian können die Qualität der Gallenflüssigkeit beeinträchtigen. Außerdem können sie Schmerzen im gesamten Verlauf des Meridians auslösen, z. B. im rechten Oberbauch nach hinten bis zum Schulterblatt oder den so genannten galligen Kopfschmerz in der Höhe des Haaransatzes im Nacken.
Sind bereits Steine vorhanden, kann die Gallenblase nicht mehr so stark kontrahieren (ausdehnen / zusammenziehen), Flüssigkeit bleibt zurück und trocknet ein. Auch das fördert die Bildung neuer Steine.
Eine weitere Ursache sind Veränderungen in der Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit, die mit einer etwas üppigen oder falschen Ernährung zu tun haben. Werden zu viele tierische Fette und zu wenig leberfreundliche Gemüsesorten gegessen, kann der Cholesterinanteil im Gallensaft zu sehr ansteigen. Es setzt sich auf winzigen Kalziumkörnchen fest und überzieht sie wachsähnlich. Ein bräunlicher Gallenstein entsteht, der mit den Jahren größer werden kann. Solche Cholesterinsteine sind typisch bei Frauen ab vierzig.
Weshalb ausgerechnet Blondinen ein erhöhtes Gallensteinrisiko haben, ist leider nicht erforscht und wird daher vorläufig ein Rätsel bleiben.
Die meisten Gallensteine verhalten sich relativ ruhig und werden nur zufällig entdeckt. Andere können sehr unangenehme Beschwerden auslösen, wie hartnäckige Verstopfungen, Auftreibung, Völlegefühl, Kopfschmerzen, Nahrungsunverträglichkeit, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen, besonders nach üppigem Essen.
Bei einer Kolik mit heftigen, schmerzhaften Krämpfen blockiert meist ein größerer Stein den Gallengang. Andere Komplikationen bei Gallensteinleiden sind Gelbsucht (Ikterus) bei Verschluss des Gallengang sowie die akute oder chronische Gallenblasenentzündung (Cholezystitis). Sie kann durch Reibung der Steine in der Gallenblase, durch bakterielle Infektion oder durch Parasitenbefall entstehen.
Natürlich beeinträchtigen Gallensteine auch den gesamten Verdauungsprozess, die Verwertung wichtiger Nährstoffe und den Fettabbau.
Nicht alle Steine sind durch bildgebende Untersuchungsverfahren sichtbar zu machen, dennoch können auch die „unsichtbaren“ winzigen Zusammenballungen  ziemliche Beschwerden machen.
Es gibt Wissenschaftler, wie die Kanadierin Dr. Regehr-Clark, die der Meinung sind, dass bei Gallensteinen die Leber das Problem ist und Steine eigentlich dort entstehen.
Bei der Behandlung von Frau Meißner ging ich vom gleichen Ansatz aus. Sie erhielt das homöopathische Arzneimittel Chelidonium majus, das Funktionsstörungen der Leber korrigieren kann. Es wirkt dann besonders gut, wenn die Schmerzen hinten rechts zu spüren sind und sich von der Gallenblase bis zum Schulterblatt ziehen. Chelidonium hilft bei solchen typischen Symptomen  den Leber-Gallenbereich zunächst zu beruhigen und wieder gesunden zu lassen. Zur Linderung der krampfartigen Schmerzen bei einer akuten Kolik und für mehr innere Ruhe verordnete ich zusätzlich das Schüßlersalz Nr. 7, Magnesium phosphoricum.
Nach einem Monat, nachdem die Beschwerden abgeklungen waren, folgte noch eine Leberreinigung mit Olivenöl und Grapefruitsaft nach Dr. Regehr-Clark. Schon am nächsten Tag berichtete Frau Meißner am Telefon:
 „Von wegen keine Steine zu sehen. Da muss ein ganzer Steinbruch gewesen sein. Egal ob aus der Leber oder der Gallenblase, jedenfalls bin ich mindestens hundert  kleine losgeworden. Ich fühle mich wirklich erleichtert und könnte schon wieder Bäume ausreißen.“
Um künftigen  Gallenbeschwerden und  Steinbildungen vorzubeugen, musste aber noch einiges verändert werden. Kurzgebratenes, Spiegeleier und Wurststullen sollten nicht mehr den täglichen Speiseplan von Frau Meißner bestimmen, sonst würde ihr hoher Cholesterinspiegel auch weiterhin „Stein des Anstoßes“ für Leber und Galle bleiben. Dazu gab ich meiner Patientin einige Empfehlungen, auch wie sie trotz ihres Temperaments mit ihrem empfindlichen Leber- Gallenbereich zumindest in friedlicher Koexistenz leben kann:


Tierische Fette minimieren


Unser Organismus braucht Cholesterin, u. a. zur Bildung bestimmter Hormone. Aber er kann es selbst herstellen und muss es nicht aus der Nahrung beziehen. Deshalb überlastet ein Übermaß an tierischen Fetten den Leber-Stoffwechsel enorm. Um zu verhindern, dass sich so Gallensteine bilden können, sollten die gesättigten tierischen Fette weitgehend durch ungesättigte pflanzliche ersetzt werden. Einzige Ausnahme bildet das Fett aus Fisch, z. B. Lachs, Makrele oder Hering.
Zahlreiche Untersuchungen in den USA verweisen darauf, dass Fischöl mit den berühmten Omega-3-Säuren die Bildungsrate von Gallensteinen verlangsamen kann.
Wenn häufiger gedünsteter Fisch mit Gemüse, Fischsuppen und Salate mit etwas gutem Pflanzenöl gegessen werden, entlastet das  Leber und Gallenblase.


Mehr Vitamin C und Ballaststoffe essen


Vitamin C aus Zitrusfrüchten, Beeren, Sanddorn, Brokkoli, Erbsen u. a. trägt zur Umwandlung von Cholesterin in Gallensäure bei. Damit reduziert sich die Wahrscheinlichkeit der Steinbildung aus überschüssigem Cholesterin. Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Blattsalate, alle Gemüse- und Obstsorten, Haferkleie, Hülsenfrüchte und besonders Sojabohnen binden im Darm die aus Cholesterin entstandene Gallensäure, schleusen sie aus und verhindern so die Wiederaufnahme des Cholesterins in den Organismus. Sojabohnen und -keime, Linsen, Erbsen, Luzerne u. a. enthalten außerdem noch Saponine, die nicht nur die Gallensäure, sondern auch Cholesterin aus der Nahrung binden und so entschärfen. Knoblauch soll sogar die Bildung von zu viel Cholesterin in der Leber blockieren können. Bittere Gemüse wie Artischocken, Chicoree, Endivien und Löwenzahn, aber auch Rettich, Sellerie, Spargel, Zucchini, Erdbeeren und Grapefruits sind besonders leberfreundlich und fördern den Gallenfluss.


Stress und Ärger reduzieren


Bei Stress wird u. a. das Hormon Cortisol ausgeschüttet, das uns in die Lage versetzt, auch unter Druck und Spannung noch Leistung zu bringen und uns wieder zu regenerieren. Allerdings ist es auch ein Auslöser für Naschlust oder Frustessen und damit ein besonderer Dickmacher. Außerdem wird zu seiner Bildung Cholesterin benötigt. Bei viel Stress wird viel Cortisol gebraucht und damit von der Leber auch mehr Cholesterin hergestellt. Bei Dauerstress  kann deshalb der Cholesterinspiegel auch bei  Ernährungsbewussten oder Schlanken steigen.
Um zu verhindern, dass zu viel Ärger den Gallenblasen-Meridian blockiert, kann regelmäßig der Gallenblasenpunkt am Auge und der Handrückenpunkt (Dreifach-Erwärmer 3) beklopft werden. Verbunden mit den entspannenden Augenbewegungen aus der Klopftechnik fühlt man sich schon nach 5 Minuten ruhiger und kann lockerer mit Störfaktoren und Ärgernissen umgehen.


Übergewicht abbauen


Hungern oder Diäten sind dabei selten erfolgreich. Schon das häufige Auslassen des Frühstücks kann die Galle eindicken lassen. Der effektivste Weg, das Übergewicht und den Cholesterinspiegel gleichzeitig zu senken ist daher, das Richtige zu essen und regelmäßig zu laufen. Laufen oder Walken, besonders Nordic Walking, verbrennt Fett, senkt den Pegel des Dickmacherhormons Cortisol und tourt den Stoffwechsel hoch. Auch durch Tanzen, Wandern oder Radfahren über einen längeren Zeitraum kann das Östrogen produzierende Depotfett und damit ein weiterer Stein-Gefährdungsfaktor bei Frauen abgebaut werden.


Leber und Galle pflegen


Dieser empfindliche Bereich sollte nicht mit schwerem, fetthaltigem Essen, zuviel Alkohol  oder verschlucktem Groll gereizt, sondern eher besänftigt werden, z. B. mit einem warmen Leberwickel auf den Oberbauch. Häufig angewendet, hilft das der Leber, Schadstoffe rechtzeitig über die Gallensäuren abzubauen. Da selbst winzige Steine, die Funktion der feinen Leberläppchen und den Gallenfluss stören, ist die jährliche Leberreinigung im Frühjahr ein notwendiger Hausputz von innen. Soja-Lezithin-Granulat täglich oder kurmäßig eingenommen, kann selbst eine Fettleber wieder schlanker machen.
Auch wenn alle 5 „F“ zutreffen und der Eindruck entstehen sollte, es gäbe kaum noch eine Chance, kann „frau“ so noch eine Menge tun, damit die „Galle nicht zur falschen Zeit überläuft“ oder gar zum „Steinbruch“ wird.

Ingrid Schlieske

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