WEISST DU NOCH?

 

WEISST DU NOCH?

(Eine Liebesgeschichte)

Ingrid Schlieske

Artikel im BIOLINE-Magazin

 

Unsere Leser werden erstaunt sein, einen so traurigen Artikel von mir zu lesen. Bin ich es doch, die eher für Optimismus und Problemlösungen zuständig ist. Nun aber lasse ich Sie tief in mein Herz schauen mit diesem Brief, den ich an meine soeben verstorbene Freundin geschrieben habe.

Ich habe lang überlegt, ob es richtig ist, ein so privates Schreiben zu veröffentlichen. Aber mich hat das Thema Versäumnis in den letzten Tagen so intensiv beschäftigt, dass es mir immer wichtiger wurde, meine Gedanken und Gefühle dazu mit Ihnen zu teilen. Es geht ja um Unwiederbringliches, um Dinge, die man nicht wieder gut machen kann. Und es geht um Reue, weil man so säumig war.

Es ist uns allen schon so gegangen, dass Wichtiges auf die lange Bank geschoben wurde und dann irgendwie in Vergessenheit geriet. Und wie viele liebe Worte blieben ungesagt, obwohl sie vielleicht Situationen entschärft oder Enttäuschungen überwunden hätten.

Mit meinem eigenen Erleben möchte ich einfach daran erinnern, dass es möglicherweise nur einer kleinen Mühe bedarf, den Faden nicht abreißen zu lassen und dass Wertvolles für immer verloren sein kann,  wenn man eilig seiner Wege geht, wenn Stehen bleiben so wichtig gewesen wäre.

Gibt es in Ihrem Leben vielleicht auch einen Brief, der geschrieben werden müsste?

 

Nachruf auf meine Freundin

 

Meine liebe E.,

Immer wieder war mir in der letzten Zeit der Gedanke gekommen, Dir unbedingt schreiben zu wollen. Dabei hatten wir lange nichts mehr voneinander gehört. Und nun traf mich die Nachricht, dass es Dich nicht mehr gibt, völlig unerwartet.

Weißt Du noch ...? Uns hat so unendlich viel verbunden. Wir waren richtige, echte Freundinnen. Und das seit der Teenagerzeit. Ach was sage ich, wir waren wie ein Mensch. Über viele Jahre begleiteten wir einander ins Erwachsenenleben und noch lange, lange danach. Wir gingen uns nicht verloren, als wir weit voneinander wohnten, heirateten, Kinder bekamen und uns beruflich etablierten. Dennoch sahen wir uns, telefonierten, schrieben Briefe.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie eifersüchtig mein erster Ehemann auf unsere Verbundenheit war. Nur zu gerne hätte er Dich „abgeschafft“. Wir waren eine Einheit, zu der er keinen Zugang fand. Du gehörtest einfach zu mir und ich zu Dir.

 

Du warst es, der ich eine schöne Jugend zu verdanken hatte und ich war das gleiche für Dich. Wir waren jeden Tag zusammen und sagten uns alles, einfach alles. Jeder wusste die geheimsten Gedanken des anderen, wusste von seinen Wünschen und Träumen.

Neid? Eifersucht? Zwischen uns gab es das nicht. Dafür hielten wir einander fest und be-wahrten uns vor den Traurigkeiten, die das Menschwerden so mit sich bringt. Wir froren miteinander, warteten stundenlang gemeinsam auf die letzte Straßenbahn, teilten uns die wenigen Pfennige, die wir auftreiben konnten, überlegten, ob wir dafür in die Eierschale, damals Berlins angesagteste Dixielandkneipe gehen sollten oder ob es nicht vernünftiger sei, etwas zum Essen zu kaufen.

Wir hatten uns unsere eigene kleine Welt konstruiert, in der wir uns heftig amüsieren kon-nten. Dafür erdachten wir hochintellektuelle Wortschöpfungen  und kommentierten Aussagen Dritter mit unserer geheimen, ironischen  Mimik-Verständigung. Wir fanden uns unglaublich geistreich damals.

Oft haben uns Außenstehende für Gaga gehalten, beispielsweise, als wir einen Gang-hoferclub gründeten und bei jeder Gelegenheit aus Ganghofers Werken zitierten. Oder als wir einen Fragebogen entwarfen, in dem wir nach dem Verhalten des Nasenschleimes der Ella Fitzgerald beim Anblick von ..., und nach anderen Unsinnigkeiten fragten. Überall tra-ten wir zusammen auf, die „Schwestern Fürchterlich“. Eine Einheit, unangreifbar.

Dabei dachten wir uns ständig puren Unsinn aus. Unseren Hund beispielsweise wollten wir Jesus nennen. Dazu malten wir uns aus, wie die Leute auf der Straße reagieren würden, riefen wir lautstark nach unserem Tier. Ja und weißt Du noch, als wir eine „Sarg-Verleih-GmbH“ gründen wollten? Ein schrill bemalter Mustersarg sollte auf einem Auto mit Spitzengardinchen und Blumenkästen versehen durch die Straßen fahren..

Ja, solche Gags, die haben uns oft seelisch über Wasser gehalten, wenn es eigentlich genug Gründe gegeben hätte, todtraurig zu sein. Etwa, wenn einer von uns wieder mal Liebeskummer hatte, was eigentlich immerzu der Fall war.

Und wir wussten nicht wohin mit uns. An Beruf oder Studium war mit unserer Ost-Westkarriere als Republikflüchtling damals ja nicht zu denken gewesen.

Wir haben in Fabriken gearbeitet, in Kneipen, Pensionen. Oft sah es aus, als gäbe es gar keine Zukunft für uns. Dennoch haben wir Zwei unseren Weg gemacht. Irgendwie und gar nicht mal so schlecht.

 

Wir Zwei, oh ja, wir haben uns immer Mut gemacht und waren sicher, dass uns nichts und niemand je trennen könnte.

Ach meine liebe E., und dennoch konnte es passieren, dass wir uns fast aus den Augen verloren. Dabei waren wir füreinander doch mal die wichtigsten Menschen gewesen.

 

Manchmal, alle paar Jahre, da trafen wir uns noch zu einem Kaffee. Aber wir wussten dann nicht recht, was miteinander reden. Beide wollten wir gerne einander festhalten, dem anderen nahe bleiben und wir wussten nicht mehr wie. Dann bin ich gegangen, immer mit schwerem Herzen, aber das Gefühl, das Gefühl wollte einfach nicht mitgehen. War Dir auch so zumute?

 

Wie konnte das nur passieren. Dabei  hatten wir doch immer die gleiche Sprache gesprochen. Aber irgendwie fanden wir den Faden nicht mehr. Eher etwas verkrampft erzählten wir uns dann Erinnerungen an früher, wie zwei alte Leute ...

 

Alte Leute. Ja, jetzt sind wir 70 Jahre. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich in den letzten Wochen öfter an Dich gedacht hatte, als davor. Sind es die Gedanken von älteren Menschen, die auf den Sonnenuntergang  zugehen? Die erleben, wie die lieben Menschen um einen herum weniger werden? Dass die „Einschläge immer näher kommen“? Ist es die eigene Angst, die wichtige Erinnerungen wieder lebendig macht?

 

Als Du vor vielen Jahren an Krebs erkrankt warst, riefst Du mich an. Du hattest das Bedürfnis, es mir zu sagen.

Hast Du in den letzten Wochen, als mich die Gedanken an Dich nicht loslassen wollten, mir damit auch jetzt Bescheid sagen wollen?

 

Ich habe darüber gegrübelt, dass ich Dir in meinem Brief erklären will, dass es Dich noch immer in meinem Leben gibt, obwohl wir kaum noch Kontakt hatten und uns die Worte füreinander fehlten. Mir war klar, dass das an der Situation nichts geändert hätte, aber ich wollte unbedingt dass Du weißt, wie ich an Dich denke und dass ich Dich noch immer vermisse.

Ich wollte Dir sagen, dass ich Dich liebe und dass Du der Mensch bist, dem ich in meinem langen Leben unendliches Vertrauen erfahren habe, so ohne Vorbehalt, ohne jedes Miss-trauen wie danach nur noch bei einer einzigen anderen Person..

Und ich wollte Dir für alles danken, was Du mir geschenkt hast: Soviel Gespräche, Gedanken über das Leben, soviel Lachen, soviel Witz in schwerer Zeit, Zuverlässigkeit, die absolute Gewissheit für bedingungslose Zuneigung und Wärme, wenn wir uns von Gott, der Welt und von anderen Menschen sowieso, völlig verlassen gefühlt hatten.

 

Und ich habe es noch im Ohr, wie Deine Stimme klang, wenn Du in der Chat Baker-Ver-sion ins Mikrofon gesungen hast: „my funny Valentine, you make me cry with my heart“. Da schwang aller Weltschmerz mit, der uns zu dieser Zeit erfüllt hatte.

 

Nun kann ich Dir das alles nicht mehr sagen. Und meinen Brief kannst Du es mehr lesen.

Oder liest Du von da aus, wo Du jetzt bist in meinem Herzen, wie sehr ich um Dich weine?

Und auch um mich und darüber, wie es passieren konnte, dass man sich so versäumte?

 

Ich werde immer an Dich denken und ich werde für immer das große Gefühl für Dich bewahren, als eine kostbare Schatulle, voll gefüllt mit „Weißt Du noch’s“.

Ich bin so traurig.

Für immer – Deine Freundin